Herr Rusterholz

Herr Rusterholz mochte keine Zwiebeln. Er hatte sie noch nie gemocht. Auch damals, als er noch ein Kind war, nicht. Seine Mutter hatte die Verordnung erlassen, alles, was auf den Tisch kam, sei zu essen. Und Zwiebeln waren nicht selten auf dem Esstisch der Familie Rusterholz. Meistens klein gehackt und vermischt mit den restlichen Speisen. Mutter versuchte so, ihm Zwiebeln unterzujubeln. Er hatte es immer bemerkt. Er musste sie immer essen. Widerstand war zwecklos. Mutter verfügte über die absolute Souveränität in der Familie. Vater machte keine Anstalten, ihr dies streitig zu machen.

Seit der Kindheit waren etliche Jahre vergangen. Herr Rusterholz durfte nun selbst über sein Leben bestimmen. Auch darüber, was auf seinen Teller kam und darüber wieviel er davon zu essen hatte. Noch nie hatte eine Zwiebel den Weg in seine Dreizimmerwohnung gefunden. Ein zwiebelfreies Leben, das war für Herrn Rusterholz gleichbedeutend mit einem glücklichen Leben.

Schon dreiundzwanzig Jahre arbeitete er beim Bundesamt für Statistik. Die Arbeit begeisterte ihn nicht sonderlich. Seit dreiundzwanzig Jahren half er mit, Statistiken zu erstellen, deren Nutzen er nicht kannte. Doch er verdiente damit das Geld, mit dem er sein Leben finanzierte. Ausserdem hatte er keine Idee, was er sonst arbeiten könnte. Deshalb würde er wohl bis zu seiner Pensionierung mithelfen, Statistiken zu erstellen, deren Nutzen er nicht kannte.

Am Mittag ging er nie mit seinen Kollegen essen. Er brachte sein Essen selbst mit, wärmte es in der Mikrowelle, die das Bundesamt im Pausenraum zur Verfügung stellte, und ass das selbstgekochte Essen alleine. Im Sommer, bei schönem Wetter, draussen auf einer Parkbank. Sonst in einer Ecke des Pausenraums. Ausser von ihm und ein paar Lehrlingen wurde der Raum während der Mittagszeit nicht benutzt. Die Lehrlinge hatten es lustig miteinander und kümmerten sich nicht um den in der Ecke sitzenden Herrn Rusterholz. Und er nicht um sie.

Die Wochenenden verbrachte er vor dem Fernseher und mit seiner Briefmarkensammlung. Manchmal sah er auch einfach aus dem Fenster und fragte sich, was die Nachbarn in ihren Wohnungen wohl machten, wenn sie keinen Fernseher und keine Briefmarkensammlung besassen.

Nun geschah es, dass er an einem Freitag im November eine Frau sah. Er befand sich auf dem Heimweg im Eisenbahnabteil, das er sich ausgesucht hatte. Meist gab es keine leeren Abteile mehr, wenn er den Zug bestieg. Er suchte sich dann Mitreisende aus, bei denen das Risiko, in ein Gespräch verwickelt zu werden, möglichst klein war. Diesmal war es ein schlechtrasierter Mann, um die Dreissig, der im Zug Schlaf nachholte – oder vorholte. Das war ein Glückstreffer, so musste Herr Rusterholz nicht fragen, ob der Platz, auf den er sich setzen wollte, noch frei sei. Schlafende fragt man nicht.

Beim nächsten Halt stieg sie ein. Die grosse, blonde Frau, deren Gewicht sich, wie sein eigenes, an der oberen Grenze des Ideals befand. Herr Rusterholz hatte noch nie eine Freundin. In den meisten Frauen sah er seine Mutter, die ihn genötigt hatte, Zwiebeln zu essen. Und nun sass er dieser Blonden gegenüber, die ihn leicht verlegen betrachtete. Erst hatte er seinen Blick diskret abgewendet, so getan, als merke er nicht, dass sie ihn ansah. Sie liess sich nicht davon abhalten, ihn zu betrachten. Obwohl es ihm unangenehm war, fühlte er sich von ihr angezogen. Er konnte sich nicht erklären, woran es lag, doch er wusste, wenn es eine Frau für ihn geben sollte, dann war es sie. Er hatte nie gelernt, wie man Frauen anspricht. Und es gehörte nicht zu seiner Art, Neues auszuprobieren.

Der Zug hielt, Herr Rusterholz erhob sich und stellte sich in die Menge, die langsam Richtung Ausgang quoll. Erst draussen auf dem Perron bemerkte er, dass die blonde Frau den Zug auch verlassen hatte. Plötzlich stand sie neben ihm. Sie heisse Marlen, meinte sie unvermittelt. Herr Rusterholz erschrak über so viel weibliche Direktheit. Sie sprach weiter, bevor er etwas dazu sagen oder sich vorstellen konnte. Ob er an Liebe auf den ersten Blick glaube, wollte sie wissen. Er könne das nicht beurteilen, antwortete Herr Rusterholz. Sie glaube, sie habe sich in ihn verliebt, meinte Marlen weiter. Etwas umständlich erwiderte Herr Rusterholz, er fände sie durchaus auch sympathisch. Sie einigten sich darauf, sich zu verabreden, um sich besser kennenzulernen.

Als Marlen einen gemeinsamen Besuch des Berner Zibelemärits vorschlug, war die sich anbahnende Beziehung vorzeitig beendet.

(Diese Kurzgeschichte ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.)

Buchtipp: Dein kompetentes Kind

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul verteilt keine Erziehungstipps. Und schon gar keine Rezepte. Im Gegenteil.

Das Buch zeigt auf, dass die herkömmliche Vorstellung von Erziehung oft auf einem Machtmissbrauch seitens der Erwachsenen aufbaut. Kinder werden in die Anpassung gezwungen, ihre Integrität wird verletzt und die Entwicklung des Selbstgefühls behindert.

Juul geht davon aus, dass Kinder grundsätzlich mit den Eltern kooperieren wollen. Familie versteht er nicht als Machtgefüge sondern als gleichwürdige Gemeinschaft. Die Bedürfnisse von Kindern und Erwachsenen werden gleichermassen ernst genommen. Es geht nicht um Laissez-faire. Eltern sollen ausdrücken, was ihnen persönlich wichtig ist, ohne dem Kind zu vermitteln, mit ihm stimme etwas nicht. Juul hier spricht von der persönlichen Sprache, die Eltern zu entwickeln haben.

Ein Beispiel:

Kind: “Papa, mir ist kalt!”
Vater: “Ach was! Es ist doch ganz warm. Schau mich an, ich trage ja auch nur ein T-Shirt.”

Die Reaktion des Vaters drückt indirekt aus, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt. Als Alternative schlägt Juul folgende Antwort vor:

Kind: “Papa, mir ist kalt!”
Vater: “Ach, wirklich? Mir ist ziemlich warm … sag Bescheid, wenn du mehr anziehen willst.”

Hier nimmt der Vater das Empfinden des Kindes ernst, auch wenn sie nicht mit seiner Wahrnehmung übereinstimmt.

Anhand von vielen weiteren Beispielen zeigt Jesper Juul auf, wie Gleichwürdigkeit, die das Selbstgefühl des Kindes stärkt, aussehen kann.

Ich empfehle das Buch allen Eltern und Pädagogen. Es zeigt gangbare Wege auf und regt zum Nachdenken an. Und da sich die Anregungen nicht nur auf das Verhältnis zu Kindern beziehen, sondern auch auf das Menschenbild im Allgemeinen, kann es auch gut von Nicht-Erziehenden gelesen werden.

Good Bye 2011

Ende Dezember. Die Zeit, in der man zurückblickt. Hier ein paar Highlights meines Jahres:

12. und 13. März

In Zürich findet der 4. DSGTA-Kongress für Transaktionsanalyse statt. Referate, Workshops, Begegnungen, Gespräche – zwei bereichernde Tage.

Im Rahmen des Kongresses wird auch die Generalversammlung der Deutschschweizer Gesellschaft für Transaktionsanalyse (DSGTA) durchgeführt. Für mich ein besonderes Erlebnis, weil es sich nach meinem ersten Jahr als DSGTA-Präsident um die erste GV handelt, die ich zu leiten habe.

30. März

Ein grosser Moment: Gründungsversammlung und öffentliche Beurkundung der meet & move GmbH. Nach einigen Jahren Tätigkeit als Selbständigerwerbender bin ich nun zusammen mit Martina Limacher Gesellschafter und Geschäftsführer einer GmbH.

30. April

Solothurner Kulturnacht. Die IG Störenkultur organisiert in der Stadt verschiedene Störaktionen (siehe PDF-Bericht). Als Störredner halte ich Nonsensreden, singe mit einer Polterabend-Braut, provoziere und überrasche Kulturnachtbesucher. Ein Riesenspass!

2. – 4. Juli

Nach vielen Stunden Vorbereitung ist es soweit: Ich absolviere erfolgreich den Training Endorsement Workshop (TEW) der European Association for Transactional Analysis (EATA) in Bilbao. Das ist Voraussetzung für die Berechtigung, anerkannte TA-Ausbildungen anzubieten. Die Zeit in Nordspanien ist herausfordernd, interessant und wohltuend.

9. – 16. Juli

Als Familie verbringen wir eine Woche Ferien bei der Pferdetherapeutin Virginia Müller-Küng und ihren Tieren in Tramelan. Wundervoll!

17. September

Freude herrscht! Ich beziehe mein neues Büro, das ich mit Christoph Walther teile. Es befindet sich im DufourWest Werkpunkt. Hier stehen mir auch Räumlichkeiten für Kurse, Gespräche und Sitzungen zur Verfügung.

3. – 14. Oktober

Nochmal Familienurlaub, diesmal in Lothringen (F). Wir bewohnen das Haus 344 im Ferienpark Les Trois Forêts. Natur, Bewegung, Erholung, Wellness.

1. – 30. November

Zum ersten Mal beteilige ich mich am Novemberschreiben. Ich schaffe es, im November einen Roman mit mehr als fünfzigtausend Wörtern zu verfassen, und bin stolz darauf.

22. Dezember

Auch in diesem Jahr habe ich im Kanton Luzern einige Kurse für Menschen, die sich in einer beruflichen Neuorientierung befinden, geleitet. Der letzte Kurstag in diesem Jahr haben wir mit einem von der Kursgruppe organisierten Apéro beendet. Ein würdiger Abschluss.

31. Dezember

Das Jahr und auch dieser Jahresrückblick ist zu Ende. Ich wünsche allen ein gutes Ankommen und viel Freude und Befriedigung im neuen Jahr.

 

Die letzte Woche – Endspurt

In einer Woche ist es soweit. Der November endet und damit auch das Projekt Novemberschreiben. Fünfzigtausend Worte werden dann in meinen Computer eingetippt sein und gemeinsam einen Roman bilden. Hier schon mal ein kleiner Auszug:

Jacqueline erzählte von einem Erlebnis, das sie heute Morgen in der Bäckerei gemacht hatte. Es war nicht der Inhalt ihrer Erzählung, der Leo nahe ging. Im Gegenteil, er nahm nicht zur Kenntnis, was sie sagte. Auch wenn er ab und zu ein bestätigendes Mhm von sich gab. Es war ihre Stimme. Ihre Stimme, die sich mit den Düften des Frühstücks vermischte. Das katapultierte ihn in die Vergangenheit zurück. Als hätte jemand das Rad der Zeit zurückgedreht. Vielleicht wäre damals ihre Beziehung doch noch zu retten gewesen. Was, wenn er damals ihrem Wunsch gefolgt wäre und einen Psychologen aufgesucht hätte. Er hatte es in der Hand gehabt. Jetzt war es zu spät. Sie war schwanger und würde demnächst Heiner, den Vater ihres Kindes, heiraten. Als Leo in seinen Gedanken bei Heiner angelangt war, war er schlagartig wieder in der Gegenwart angekommen. Die heile Welt, in der er sich kurz befunden hatte, ging in Brüche wie eine Fensterscheibe, die von einem Stein getroffen wird. Dahinter tauchte die harte Realität auf. Das Unbehagen Heiner gegenüber. Die Sorge um Anja. Die Tatsache, dass er Hauptverdächtiger in einem Mordfall war. Das alles kam unangemeldet jäh zurück.

Pneumatischen Fetzensprache

Dmitry Chestnykh? Noch nie gehört. Es soll sich um einen russischen Softwareentwickler aus Montenegro handeln. Er entwickelte eine Internetseite, auf welcher man Texte eingeben und analysieren lassen kann. Der eigene Schreibstil wird mit demjenigen von bekannten Schrifstellerinnen und Schriftstellern verglichen Das Ergebnis heisst dann zum Beispiel: “I write like William Shakespeare”. Was ursprünglich spasseshalber entstanden war, erfreute sich rasch grosser Beliebtheit. Auf faz.net gibt es mittlerweile eine Version, die mit deutschen Texten funktioniert.

Die Analyse der ersten fünf Kapitel meines Romans, der im Rahmen des Novemberschreibens am entstehen ist, ergibt folgendes Resultat:

Zu meiner Schande muss ich eingestehen, dass ich noch kein Werk von Frau Mayröcker gelesen habe. Mehr noch: ich habe bisher nicht mal ihren Namen gekannt. Wikipedia hat einen Teil meiner Bildungslücke geschlossen. Eine Aussage finde ich besonders interessant:

… Friederike Mayröcker schreibt in ihrer „pneumatischen Fetzensprache” …
(Jörg Drews in der Süddeutschen Zeitung)

Worum es in meinem Roman geht, verrate ich im Moment noch nicht. Etwas ist nun aber klar: er ist in pneumatischer Fetzensprache geschrieben. Was immer das auch bedeuten mag…

Novemberschreiben

Übermorgen beginnt der November und damit auch das Novemberschreiben 2011. Noch nie etwas davon gehört? Ich bis vor kurzem auch nicht. Mittlerweile weiss ich, worum es geht – Facebook sei Dank.

In 30 Tagen einen Roman schreiben. Darum geht es. 50’000 Wörter bis Ende Monat sind das Ziel in der Kategorie “Erwachsene”.

Seit meiner Anmeldung versammeln sich unzählige Ideen in meinem Kopf. Immer wieder gesellen sich neue dazu. Ab Dienstag gilt es dann, diese Ideen in Worte zu fassen und in den Computer einzutippen. Ich bin freudig gespannt …

Mehr Infos über das Novemberschreiben gibt es auf novemberschreiben.ch oder auf Facebook.

Berta, das Ei ist hart

Kommunikation kann manchmal ganz schön kompliziert sein. Und anstrengend. Der kürzlich verstorbene Loriot war ein Meister darin, dies aufzuzeigen.

Wer sich mit sich und seinem Kommunikationsverhalten auseinandersetzen will, dem empfehle ich den dreitägigen Einführungskurs in die Transaktionsanalyse. Das klingt jetzt vielleicht ziemlich trocken und theoretisch. Eine Ärztin, welche diesen Kurs besucht hat, widerspricht diesem Eindruck:

Der Kurs hat mir die Transaktionsanalyse spielerisch und überzeugend erklärt und mir gezeigt, wie ich die Gespräche mit meinen Patienten im Praxisalltag verbessern kann.

Und das Fazit einer weiteren Kursteilnehmerin klingt so:

Ich habe mich mit dem TA-Einführungskurs auf einen Weg begeben, der mich “gluschtet” weiterzugehen.

Ich unterlasse es nun, weitere Personen zu Wort kommen zu lassen. Nun liegt es an Ihnen, Ihre eigenen Erfahrungen mit dem Kurs zu machen. Im November findet ein Kurs in Luzern und im Januar / Februar einer in Biel/Bienne statt. In beiden gibt es noch ein paar freie Plätze. Drei Samstage und 520 Franken, die sinnvoll investiert sind.

Mehr Infos zum Kurs